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letzte Änderung am 18.04.2010
Anlass dieser Seite war eine Blog-Diskussion, in welcher Anhänger der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells sich an Michael Preuschoffs Durchblickkonzept rieben und meiner Meinung nach über das Ziel der Weltverbesserung hinausschossen. Also griff ich in die Debatte ein.
Ich bin ein Bewunderer des Silvio Gesell und habe mich auf www.psverlag.de/artikel auch deutlich dazu bekannt. Insofern habe ich durchaus Verständnis für einige freiwirtschaftliche Kritiken an Michael Preuschoff, die mir oder dem Autor Michael Preuschoff zugetragen wurden. Ich hoffe, die Kritiker verübeln mir nicht meine Einmischung! Mir tut nur leid, dass einige vermutliche Weltverbesserer hier nicht wirklich in der Sache aneinandergeraten sind.
Auch für mich ist die Bibel eine lange Geschichte des Geldes und Zinses, aber nicht nur das. Sie hat für mich mehr Gehalt. Und in dem Punkt komme ich bei aller empfundener Übereinstimmung in Preuschoffs kriminalistischen Herangehensweise in seinem Durchblickkonzept trotzdem noch nicht ganz auf einen Nenner mit dem Autor Michael Preuschoff, denn er will - warum auch immer - einfach nicht an den Zinsen gerüttelt wissen. Ich habe mich jedoch - anders als manche freiwirtlichen Preuschoff-Kritiker - entschieden, im Projekt von Michael Preuschoff (Buch: "Das Durchblickkonzept" bzw. www.basisreligion.de) die vorhandenen guten Seiten zu sehen.
Und die passen (was der Autor mir allerdings so auch nicht unbestritten glauben möchte - und trotz einiger dann immer noch vorhandenen Stellen, an denen ich mich anders ausgedrückt hätte) durchaus zur Zinskritik der Freiwirtschaftslehre. Ausbeutung ist ja so ein verflixt vielseitiges Ding. Wer da nur eine Schiene sieht (etwa nur die Zinsproblematik oder nur den Missbrauch von sexuell angehauchten Schuldgefühlen), der wird sehr leicht hintergangen werden und doch aufs Kreuz gelegt werden können. Wie das Hereinlegen gewöhnlich funktioniert, ist im Buch jedoch wunderbar in einem Schema erklärt worden. Das sollte auch ein Freiwirt anerkennen können.
Ich gebe Kritikern recht, dass Michael Preuschoff versucht, in Debatten ein zinskritisches Auge fest zuzudrücken. Ich bescheinige ihm jedoch ein wenigstens waches zweites Auge im Projekt vom Durchblickkonzept, in welchem sein früheres Buch Glaube und Aberglaube anklingt. Außerdem muss er auch gar nicht allein die Welt retten. Wir sind doch auch noch da und brauchen eine würdige Aufgabe! Viele Augen sehen natürlich mehr als nur eins oder zwei. Bei der von Kritikern so oder ähnlich geäußerten Meinung, wonach Religion eine Geisteskrankheit sei, verweise ich jedoch darauf, dass wir Laien zu gern Kult und Religion miteinander verwechseln. Auch das wird im Buch gründlich besprochen. Religion sei einmal nicht das dafür gehaltene einlullende Tamtam mit Kerzenschein und Gesang, sondern eine handfeste Wissenschaft vom Überleben. Völker ohne funktionierende Religion verschwinden in Nullkommanix von der Bildfläche, andere Völker mit Religion halten auch trotz Verfolgungen in der Diaspora locker volle 2000 Jahre durch, ohne dass ein Ende ihrer Kultur absehbar wäre. Das geht nur mit einer nachhaltigen ökonomischen Basis - dank wenigstens internem Zinsverbot. Das Überleben als Kultur, Nation und Volk setzt einigermaßen gerechte Verhältnisse (einen stabilen Binnenmarkt also) sowie bei den geistigen Eliten die genaue Kenntnis der Fallstricke des täglichen Lebens mit und zwischen anderen Leuten voraus. Und die Kenntnis muss man vermitteln können. Zum Beispiel mit einem Durchblickkonzept.
Leider muss man seine Zuhörer immer da abholen, wo sie gerade sind. Und deshalb kann man die selbe Geschichte nicht einfach allen Hörern mit den selben klugen Worten servieren, wenn man will, dass wenigstens eine gemeinsame, mit dem Alltag belastbare Basis bei allen Empfängern der Botschaft ankommt. Deshalb beschwerten sich auch die Jünger Jesu darüber, dass Ihnen der Meister die Sache in trauter Runde so ganz anders erklärte als kurz darauf in der Bergpredigt den wartenden Massen. Er hat ihnen die Notwendigkeit der angepassten Lehrstoffvermittlung dann wie ich hier kurz erläutert. Kann man nachlesen!
Der Koran hat sich ja auch nicht die Mühe gemacht, den Leuten die Gefahr einer unsichtbar winzigen Trichine im Schweinefleisch zu erläutern. Hausvieh streunte damals im Dorf umher und die Leute gingen bei Bedarf schnell mal hinter den nächstbesten Busch, da die Klospülung im nahen Osten nicht typisch für die Masse der Dorfhütten war. Für Unterricht in Mikrobiologie hätte ein Dorflehrer damals recht weit ausholen müssen. Das hat kaum einer versucht. Wozu auch, wenn den einfachen Gemütern auch ein knallhartes Verbot von ganz ganz oben völlig ausreicht? Und genau in dieser vereinfachenden Art, helfen zu wollen, wird Religion verwundbar. Und natürlich auch verdächtig. Ab einem gewissen IQ und einer gewissen Bildung will man es eben doch lieber etwas anders erklärt bekommen. Dummerweise - im wahrsten Sinne des Wortes - kann das aber nicht jeder Prediger. Da hilft leider auch nicht immer ein Theologiestudium oder ein erlangtes Kirchenamt. Da muss nicht immer böse Absicht dahinter stecken. So mancher ist im hohen Alter tatsächlich noch sehr stolz auf einen Kleinkinderglauben und drückt sich entsprechend niedlich oder auch reizbar aus. Und so werden immer wieder potentielle Partner für eine gerechtere Welt abgeschreckt, selbst wenn einige dieser Prediger wirklich herzlich uneigennützig der Welt helfen wollten. Ein wenig wird es wohl auch an der auf Führung (Betreuung) von Massen fixierten Ausbildung von Priestern liegen. Natürlich gibt es auch ganz andere Hohepriester, Medienkasper und Scharfrichter, die in voller Absicht mit dem jeweils passendsten Bibelvers auf den Lippen ganze Kontinente zur Schlachtbank führen.
Vergessen wir aber bitte die dritte Gruppe in der Kirche nicht, die auch mich bis heute bei der Stange halten kann. Es gibt wirklich viele haupt- und ehrenamtliche Christen, mit welchen man sich bestens über Gott und die Welt unterhalten kann! Und das Selbe wird man auch im Dialog mit Vertretern anderer Religionen und Weltanschauungen feststellen. Möglicherweise ist das angestrebte Gesprächsniveau sogar viel entscheidender als die vertretene Überzeugung der am Dialog Beteiligten. Sobald einem nach Details fragenden, nach Zusammenhängen forschenden Menschen ein "Gott will es!" entgegengeschleudert wird, verliert die Kommunikation mindestens für eine Seite stark an Wert. Leuten, die die Welt gern in einer Art Bilderbuch mit nicht zu vielen Seiten erklärt bekommen, fällt dagegen das Wechseln von fundamentalistischen Sekten zu linksradikalen Demonstrations-Reisegruppen und gleich weiter zu örtlichen Ausländer-Jagdgesellschaften ziemlich leicht. Das Grundprinzip Ihres Lebens bleibt ja - ungestört von zu viel Theorie - weitgehend erhalten. Gut und Böse ist vorgegeben und im Rudel ist man wichtig! Verbrüderungen und raschen Glaubenswechseln stehen in solchem Fall selten persönlich wichtige Argumente im Weg.
Sobald sich nämlich jemand mit ein paar argumentativen Tricks ein Recht aus arbeitsfreies Einkommen oder auf sonstige Privilegien (ob nun Recht der ersten Nacht, Wassermonopol, Zinseszins oder Wegezoll) zurecht fabuliert, da sehnt sich dieses Schlitzohr geradezu nach einer religiösen Maske, denn mit dem übersinnlichen Unerklärlichen spart man sich so manche Diskussion, falls man die Vokabeln gut drauf hat. Und so wurde und wird immer wieder aus einer ehrsamen Religion (oder einer so genannten Vorzeigedemokratie) schwuppdiwupp ein Kult, der es nun einigen bald erheblich besser als den anderen gehen lässt. Den Rest an Zweifeln bekämpft man mit der Anti-Neidkampagne und mit einer Quasi-Gegenideologie, die derzeit als Marxismus daherkommt und nur eine Spielart der uralten Tributwirtschaft ist. Damit kann man den Leuten weismachen, es gäbe eigentlich nur eine - genauso furchtbare - Alternative zur Zinswirtschaft.
Kommunismus war eben auch nur Kult. Selbst Freiwirtschaft könnte zum vollwertigen Kult werden, sobald das genaue Verständnis des Wesen des Geldes in den Hintergrund und strikte Regelbefolgung sowie die emotional aufgeladene Verteufelung der sich mit Zinsen verunreinigenden Gegner zum Hauptinhalt jeder Predigt wird. Eine Masse mobilisiert man immer über den Bauch. Und wenn die erst einmal unterwegs ist, dann kann man mit ihr alles und jeden niederwalzen, selbst die Gründer der Freiwirtwschaftslehre und deren hochintellektuelle, aber nun unverstandene Anhänger. Der Kommunismus hatte auch so manche Opfer unter überzeugten Kommunisten. Die Kirche hat auch frömmste Menschen zu Ketzern erklärt und verbrannt. Kulte und Menschenopfer gehören offenbar untrennbar zusammen. Und irgendeine gute Sache, für die solche Opfer eben angemessen sein sollen, findet sich doch immer!
Das beste Mittel gegen Kulte ist Wissen. Wissen für die Massen. Damit die nicht in blinde Raserei verfallen, egal wie gut die gemeint sein soll. Das Vermitteln solider Wissensbasis kostet Zeit - für jeden, der begriffen hat, wie wichtig das Ziel einer echten Religion ist. Zum Glück schaffen es immer wieder ein paar Propheten, gehört zu werden. Silvio Gesell war - mit oder ohne päpstlichen Sehen - einer davon. Und es werden noch tausende Lichtbringer kommen. Immer wieder. Wir entscheiden wahrscheinlich im Laufe unseres kurzen Lebens mindestens einmal, ob wir ein Stück mit so einem Menschen gehen wollen oder lieber weiter die uns gebotene billige Unterhaltung genießen wollen.
Mag sein, dass Michael Preuschoff noch gar nicht ganz begreift, welcher Schatz sich in seinem Werk befindet. Er gibt sich jedenfalls - das habe ich ihm auch schon geschrieben - oft kräftig Mühe, diesen Schatz mit ablenkenden Scheingefechten zu verschleiern. Aber gewollt oder ungewollt wird er mit seinem Werk dazu beitragen, dass Ausbeutung und Ungerechtigkeit immer schlechter vermittelbar werden. Ich sehe darin eine Ähnlichkeit mit Martin Luther, der ja auch keine Bauernaufstände und keine Reformation wollte, sondern nur den Ablasshandel abschaffen wollte. Dann hat sich die Sache aber irgendwie verselbständigt und ist über ihn hinausgewachsen. Leider nicht nur zum Guten, wie man heute an der Rolle der Reformation auf die Abschaffung des Zinsverbotes sehen kann. Das war der Anfang vom Ende für eine eigentlich hoffnungsfroh gestartete Idee für fast zwei volle Jahrtausende.
Wer weiß, was aus der Freiwirtschaftslehre noch werden kann, wenn einmal blindwütige Eiferer unter den Freiwirten ans Ruder kommen, die leider die Zinsrechnung in der Schule nie ganz verstanden haben. Das sollte uns etwas milder auf alle möglichen Religionen schauen lassen und uns motivieren, auch hinterm Tellerrand nach möglichen Verbündeten zu suchen, so wie wir auch nie vergessen sollten, unseren eigenen Leuten stets mit hellwachem Verstand zu begegnen. Uns selbst natürlich auch! Nach uns die Sintflut? Es wäre möglich, dass die gar nicht bis nach uns wartet! So ungefähr drücken sich auch einige heilige Bücher aus. Das Wetten gegen mathematisch vorhersehbare Katastrophen sollten wir den Banken überlassen, denn die haben darin in den letzten Wochen und Monaten genug Erfahrung zu unser aller Unterhaltung sammeln können. Uns einfachen Bürgern fehlt dazu meist auch die Unverfrorenheit, die man erst in vielen kleinen Trickdiebstählen und großen Raubzügen erwirbt. Und für uns bastelt voraussichtlich auch niemand ernsthaft staatliche Rettungspakete, also sollten wir doch etwas vorsichtiger als die Banken kalkulieren, nicht wahr?
Peter Spangenberg
Link zur Gegendarstellung von Michael Preuschoff:
http://basisreligion.reliprojekt.de/zinsen.htm